Weinbaugeschichte


Eine kurze Geschichte des Rheinbreitbacher Weinbaus 

- Neuer (alter) Weinort Rheinbreitbach -


Dankward Heinrich, November 2019



1930er Jahre Weinbestandene Koppel, Untere Burg, Kirche, Waldschwimmbad, Obere Burg
Quelle: Heimatmuseum Rheinbreitbach


Weinbau seit über 1100 Jahren


Der Weinbau kam wohl gegen 400 n. Chr. mit den Römern über die Mosel zuerst in das Neuwieder Becken und dürfte sich von dort weiter nach Norden, so auch in die Gegend von Rheinbreitbach, ausgebreitet haben. 
Rheinbreitbacher Weinbau dürfte es seit über 1100 Jahren geben. Denn dieses Alter konnte für den Nachbarort Honnef urkundlich belegt werden. Nach einer schriftlichen Überlieferung gibt es Weinbau in Rheinbreitbach seit 694, also schon zu fränkischer Zeit, auch wenn die älteste erhaltene Urkunde Rheinbreitbach erst 966 erwähnt. 


Weingärten von den Bergen des Siebengebirges bis hinunter an den Rhein


Im Jahr 1641 wird im Kirchenbuch von Rheinbreitbach von 110 Weingärten in Rheinbreitbach berichtet. Noch bis 1912 erstrecken sich die Weinberge von den Höhen (Hohn, Berg, Vogelsang im Norden, heute unterhalb der Rheinblickstraße) über Koppel, Mühlenberg, Korf, Am schwarzen Kreuz im Süden (heute südlich und westlich der Schulstraße bis Haanhofer Weg) und Büchel (heute südlich Josefstraße) um den Ortskern herum bis hinunter an den Rhein (vom Klobbenort im Norden über Salmenfang bis zum Rehwingert im Süden, heute etwa Nähe Klärwerk). Beste Lagen waren Hohn, südwestliche Seite des Koppel und Mühlenberg.



Koppelkreuz aus einem Kelterbaum


Über den Breitbacher Reben wachte seit dem 19. Jahrhundert das Koppelkreuz. 1844 wurde es von den Rheinbreitbacher Junggesellen auf der Koppel als ein schweres aus Kelterbäumen von alten Waagenkeltern hergestelltes, über 6m hohes Kreuz errichtet. Als es im Jahre 1890 durch zündelnde Kinder am Koppel zum größten Teil verbrannte, wurde es 1891 durch ein 10m hohes neues, diesmal eisernes Kreuz ersetzt, das wiederum 1974 durch ein Stahlkreuz ersetzt wurde.



Ramholzgewinnung aus dem Niederwald am Koppel


An der Nordseite der Koppel im Lötzelingstal, wurde - meist aus Buchen - in einer Niederwaldwirtschaft Rahmholz gewonnen, also Pfahlhölzer für den Weinbau. Erkennbar sind diese Bäume heute immer noch: Statt eines Stammes stehen dünnere Stämme in Gruppen zusammen. Auf die frühere Bedeutung des Ramholzes für den Winzer verweist in Rheinbreitbach der Rheinbreitbacher Beichtspiegel im Chor der alten Pfarrkirche St. Maria Magdalena. Der Diebstahl von Ramholz war wohl deswegen nicht selten, wie die Inschrift dort belegt: Die Ramen und Heide stehle ich bei der Nacht. Käme es heraus würde ich nicht lachen.



Rheinbreitbach eine der sieben besten Weinlagen am Mittelrhein mit viel gelobtem Wein



Über die Jahrhunderte berühmt war Rheinbreitbach für seinen Rheinbleichart, einen weiß gekelterten Rotwein. In vielen Büchern aus dieser Zeit wird auf den guten Wein aus Rheinbreitbach verwiesen, „wo ein vorzüglicher Bleichart, oder blaßroter Wein gewonnen wird“ (1820). Angebaut wurden 1910 die Rebsorten Riesling, Österreicher (Grüner Silvaner), Kleinberger (Weißer Elbling), Früh- und Spätburgunder. 

Im 19. Jahrhundert galt Rheinbreitbach als eine der sieben besten Weinlagen am Mittelrhein (1825). Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt der Wein des Rheinbreitbacher Winzervereins die Goldmedaillen bei den internationalen Weinausstellungen in Paris (1900) und Marseille (1901) sowie den Großen Preis in Rom (1901). Das will für ein kleines rheinisches Dorf etwas heißen!

Vor 1900 wurden ausschließlich rote Burgunderseiten angebaut, die lange weiß ausgebaut wurden. Um 1900 kamen weiße Sorten, wie Riesling und Silvaner hinzu. 



Weithin bekannte Weinlokale



Rheinbreitbach und sein Wein zog viele Besucher aus Nah und Fern an, wie die Schriftsteller 
  • Rudolf Herzog ("Die Burgkinder") und 
  • Josef Winckler ("Der tolle Blomberg", "Der Großschieber") oder 
  • Musiker wie den Polkakönig Will Glahe ("Lichtensteiner Polka", "Rosamunde"), 

die hier vorübergehend oder länger Quartier nahmen und dem Rheinbreitbacher Wein in Gasthöfen und Weinstuben, wie  
  • dem Clouthschen (Rheinbreitbacher) Hof, 
  • im Hotel Zur Post, 
  • der Altdeutschen Weinstube Em Höttche, 
  • dem Weinhaus Lindener oder in 
  • der Weinstube Zur Traube 

huldigten.

Auf Empfehlung seines Freundes Karl Simrock verbrachten 1853 und in den Folgejahren der Märchensammler Wilhelm Grimm und seine Familie ihre Sommerfrische im Clouthschen Hof (dem späteren Rheinbreitbacher Hof). 
Der Gasthof am Ortsrand an der Hauptstraße gelegen war damals Weingut und ein weit bekannter Gasthof. Hier trafen sich Dichter und Denker wie 
  • Ferdinand Freiligrath (1839-1841), Unkel
  • Karl Simrock (1838-1841), Menzenberg/Bonn
  • Wilhelm Grimm mit Frau Dorothea, Tochter Auguste (Gustel), Söhne Herman und Rudolf (1848, 1853), Berlin
  • Ernst Moritz Arndt, Bonn
  • Friedrich Christoph Dahlmann, Bonn, Wortführer der Göttinger Sieben
  • Gottfried Kinkel, Oberkassel
  • Wolfgang Müller (von Königswinter)
  • August Gustav Pfarrius, Köln, Sänger des Nahetals
  • Corps Borussia Bonn der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität (meist preußischer und norddeutscher Hochadel = "Bonner Preußen") und vielleicht damit auch als Corps-Student der spätere 
  • Deutsche Kaiser Wilhelm II.? Dafür spricht auch, dass sein späterer Juistiar Heinrich von Stephan in Rheinbreitbach wohnte (heute Villa von Sayn) und der mit ihm befreundete Schriftsteller Rudolf Herzog (heute Obere Burg). 

zum Breitbacher Wein. 


Gäste aus Kunst, Journalismus und Politik zog später im 20. Jahrhundert eines der damals ältesten Weinlokale in Rheinland-Pfalz in seinen Bann, die Altdeutsche Weinstube "Em Höttche" des Hein, des Heinz Rechmann in der Burgstraße. Hier war eine der inoffiziellen Nachrichtenbörsen des früheren Regierungssitzes Bonn. Viele Prominente wie 

  • Claus von Amsberg, Prinzgemahl der niederländischen Königin Beatrix (1926 -2002)
  • Joop Maria Lücker, Chefredakteur der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant (1914 -1980)
  • Jupp Kempen, niederländischer Kulturattachee
  • der japanische Oberbürgermeister der Hauptstadt Tokio 
  • Willy Brandt, ehemaliger Bundeskanzler (1913 -1992)
  • Johannes Rau, der spätere Bundespräsident (1931 - 2006)
  • General Günter Kießling (1925 - 2009)
  • Erich Böhme, Chefredakteuer des Spiegel und Fernsehjournalist (1930-2009)
  • Peter Scholl-Latour, Journalist und Publizist (1924 -2014)
  • Heinz Schwarz, ehemaliger Innenminister von Rheinland-Pfalz ("der schwarze Heinz")
  • der Schriftsteller Leonhard Reinirkens (1924 -2008)
  • der Sänger Ivan Rebroff oder vielleicht sogar 
  • Thomas Woodrow Wilson, 28. amerikanischer Präsident (1856 - 1924), 1919 nach der Pariser Friedenskonferenz (angeblich nach Akten seiner Leibwache)
tranken hier gerne ihren Schoppen.



Kölner Klöster als große Weinbergsbesitzer


Für ihre Eucharistiefeiern benötigte die christliche Kirche regelmäßig Wein. Deswegen nimmt es nicht Wunder, dass insbesondere im Mittelalter bis zur Säkularisierung 1803 auswärtige Kirchen und Klöster zu den ältesten und größten Besitzern von Weinbergen und bedeutenden Weingütern zählten. Dies zeigt wie sehr die geistlichen Herren den Rheinbreitbacher Rebensaft schätzten. Der Rheinbreitbacher Weinbau wurde besonders von Kölner Klöstern und Stiften geprägt. Einige dieser ehemaligen kirchlichen Weingüter sind heute noch im Ort zu finden:
  • Stiftskirche St. Maria ad Gradus, Obere Burg, Schulstraße (heute Sitz der Ortsgemeinde)
  • Stift St. Aposteln, Apostelnhof, Am Grendel 1 (gegenüber der Gaststätte „Sporteck“)
  • Kloster Maria im Spiegel, genannt Sion, (frühere Gaststätte „Weißes Rößl“), Hauptstraße 30 
  • Weingut des Servitessenklosters St. Lucia (früherer Gasthof „Rheinbreitbacher / Clouthscher Hof“), Hauptstraße 61. 

Weitere Weinberge in Rheinbreitbach besaßen 
  • das Kölner Stift St. Georg
  • die Bonner Münsterbasilika
  • das Kloster Rolandswerth (heute Nonnenwerth
  • das Zisterzienserkloster Marienstatt im Niestertal im Westerwald, 1222 
  • das Kloster Schwarzrheindorf, 1173 sowie 
  • die Benekiktinerabtei Siegburg.



Weltliche Großgrundbesitzer


Die größten weltlichen Weingüter lagen in den Händen 
  • der Freiherren von Breitbach (Untere Burg) und 
  • der Familie Eschenbrender (Eschenbrender Hof) am Steinweg (heute südliche Hauptstraße) - zugleich das größte Weingut eines Einheimischen. 

Eines der ältesten Weingüter, urkundlich erwähnt 1268, ist 
  • der bereit vor 1665 abgebrochene Tempelhof des Deutschen Ritterordens. 

Auf dessen baulichen Reste wurde später der alte Kirchhof angelegt, der wiederum in den 1960er Jahren einem Anbau an die Pfarrkirche weichen musste.



Der Wein gab Arbeit


In Rheinbreitbach wurde viel Wein gezogen, teilweise mehr als in Unkel, Bruchhausen und Erpel zusammen, und damit ein lebhafter Handel getrieben. Dies geht auch daraus hervor, dass die Schröter in dem verhältnismäßig kleinen, wenn auch durch den Bergbau wohlhabenden, Dorfe eine eigene Zunft oder Gilde bildeten, die Schrötermeistern unterstanden und für die eigene Tarife (1568) aufgestellt wurden. 

Der viele Wein musste gelagert werden. Dafür wurden Fässer benötigt, wie sie die Rheinbreitbacher Küfer fertigten. Die größte Küferfamilie hieß Westhofen. Eine Küferei befand sich in der Hauptstraße 51. Die frühere Haustür wies das Zunftzeichen der Küfer auf, Holzfass, Küferzirkel und Küferschlägel. Diese Küferei hielt sich über den Weinbau hinaus am Leben, als Fässer von der ehemaligen Marmeladenfabrik gegenüber auf der anderen Straßenseite benötigt wurden.



Industrialisierung, Frost, Reblaus und die Folgen


Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Umsatz der Rheinbreitbacher Winzer wegen Missernten (Frost) und des verstärkten Vorkommens von Rebschädlingen und Absatzschwierigkeiten des Rotweins durch billigere ausländische Konkurrenz deutlich gemindert. Noch 1894 trafen sich ca. 500 Winzer und Weinhändler im damaligen Hotel Zur Post in der Hauptstraße, um über die Lösung der Notlage des Winzer- und Bauerstandes zu beraten. 1897 erfolgte dort als Konsequenz auch die Gründung des Winzervereins Rheinbreitbach mit 29 Mitgliedern. 

Die Industrialisierung und das verstärkte Auftreten von Rebkrankheiten und Schädlingen, wie der Reblaus (in Rheinbreitbach in den Lagen Korf und Grendel von 1907 bis 1911) verstärkte den Niedergang des Rheinbreitbacher Weinbaus.

Nach den beiden Weltkriegen folgte 1953 im Mai ein starker Frost und 1956 ein schrecklicher Winter, in dem Tausende Rebstöcke erfroren. Entmutigt gaben die verbliebenen Winzer bis auf einen ihre Weinberge und -felder auf und spezialisierten sich auf Gemüse, Obst- und Kartoffelanbau. 

Der letzte Berufswinzer, „der letzte Seligmacher von Rheinbreitbach“, Ludwig Lindener, setzte den Weinbau bis 1975 fort. Am Vonsbach betrieb er das beliebte Weinhaus Lindener.




Ein neuer Seligmacher?


Gut 40 Jahre hielten nun nur noch Hobbywinzer die Tradition des Rheinbreitbacher Weinbaus aufrecht bis sich 2016 das Rheinbreitbacher Ehepaar Karsten und Viola Keune entschieden, dem professionellen Rheinbreitbacher Weinbau wieder Leben einzuhauchen. 

In einer der beiden besten Rheinbreitbacher Südwestlagen, in den uralten driesch gefallenen Lagen Im Hohn und Im Vogelsang ließen sie zeitgemäße Querterrassen anlegen. Die dort vorhandenen alten Weinbergsmauern, wohl aus der Zeit um 1800, wurden behutsam integriert und sollen zu einem späteren Zeitpunkt restauriert werden. Entstanden ist ein 1 Hektar großer neuer (alter) Weinberg.
Angebaut werden die roten Rebsorten Cabernet Cubin, Merlot, Spätburgunder sowie die weißen Rebsorten Weißer und Roter Riesling sowie etwas Sauvignon Gris. Verarbeitet werden die Trauben künftig im neu errichteten Weingut an der oberen Rheinblickstraße.


Freuen wir uns schon jetzt auf den ersten, lange vermissten, Rheinbreitbacher Wein, den es im Jahr 2022 geben soll und wünschen dem Ort mit den Zeilen des alten Rheinbreitbacher Wein- und Heimatliedes: 




„Es lebe Breitbach, hoch sein Wein!"